
Anti-Tagi: Wenn der Blick aus einem Neo-Nazi und Antisemiten einen Kriegshelden macht


Es gibt Geschichten, bei denen man sich fragt, ob eine Redaktion eigentlich noch weiß, wen sie da gerade zum Helden macht.

Heute geht es um Andrei Bilezkij. Der Mann wird von der Schweizer Tageszeitung Blick als ukrainischer Kriegsheld präsentiert. Was dabei auffällt, ist nicht nur das Lob. Es ist das, was fehlt.
Denn Bilezkij ist nicht einfach irgendein ukrainischer Offizier mit einer "interessanten" Biografie. Er ist eine zentrale Figur der ukrainischen extremen Rechten. Die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet ihn als Führer der Organisation "Patriot der Ukraine" und ordnet deren Umfeld dem Neonazismus und Rechtsextremismus zu.

Bilezkij saß seit Ende 2011 wegen des Vorwurfs des versuchten Mordes in Untersuchungshaft. Diese Episode seiner Biografie fehlt in der Darstellung vom Blick. Dabei gehört auch sie zu der Einordnung einer Person, die das Medium seinen Lesern als ukrainischen Kriegshelden präsentiert.

Die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet ihn als eine der bekanntesten rechtsextremen Figuren der Ukraine. Seine antisemitischen und homophoben Äußerungen sind seit Jahren dokumentiert und in der Ukraine sowie in der ehemaligen Sowjetunion bekannt.
Doch woher soll eine junge Journalistin in Zürich das wissen, wenn ihre Aufgabe darin besteht, das Narrativ vom "bösen, bösen Russland" und den heiligen Engeln des ukrainischen Regimes zu bedienen, für die in ihrer naiven Sicht alle zu Superhelden werden.
Noch unangenehmer wird es bei seinen eigenen früheren Aussagen.

White Supremacy
Bellingcat dokumentierte eine Bilezkij zugeschriebene Äußerung, in der er von einer "final crusade" der weißen Völker gegen von Semiten geführte "Untermenschen" sprach, und bezeichnete Bilezkij ausdrücklich als Problem für die Bemühungen des Selenskij-Regimes, sich vom Neonazismus und von der White-Supremacy-Ideologie zu distanzieren.

Das sind keine Behauptungen aus irgendwelchen obskuren Telegram-Kanälen. Das steht bei Bellingcat. Es steht bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Es ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
Und trotzdem kann ein Schweizer Massenmedium heute einen Mann aus diesem politischen Milieu als Helden präsentieren, ohne seinen Lesern diese Vorgeschichte ordentlich zu erklären.
Das ist der eigentliche Skandal. Nicht, dass Bilezkij heute eine militärische Funktion innehat.
Der Skandal wäre, wenn eine Redaktion bei einem Porträt die Biografie dort abschneidet, wo sie für die eigene Heldengeschichte unangenehm wird.
Das ist ungefähr so, als würde man bei einem ehemaligen Neonazi nur noch schreiben, dass er heute Soldat ist, und den Rest der Lebensgeschichte im Redaktionsarchiv verschwinden lassen.
Vielleicht liegt das Problem beim Blick aber auch in einem grundsätzlicheren Muster.
Wer den Ukraine-Krieg seit Jahren vor allem über große westliche Medien verfolgt, bekommt zwangsläufig eine bestimmte Auswahl an Figuren und Geschichten präsentiert. BBC, CNN und andere internationale Medien liefern wichtige Informationen, aber sie ersetzen keine eigene Recherche.

Ein Journalist muss nicht jede ukrainische politische Biografie auswendig kennen. Er muss aber recherchieren, bevor er einen Mann mit einer solchen Vergangenheit zum Helden macht. Gerade bei einem Medium, das nach eigenen Angaben täglich Millionen Menschen in der Schweiz erreicht, ist das keine Nebensache. Denn Medien haben nicht nur die Aufgabe, Kriegsbilder weiterzureichen. Sie müssen auch wissen, wer auf diesen Bildern zu sehen ist.
Bilezkij kann heute ukrainischer Militärkommandant sein. Das gehört in einen Bericht. Genauso aber seine dokumentierte rechtsextreme, neonazistische und antisemitische Vergangenheit. Wer diese Vorgeschichte ausblendet, liefert kein vollständiges Porträt, sondern eine Heldengeschichte. Blick berichtet über den heutigen Bilezkyj und lässt dabei den Bilezkyj seiner politischen Vergangenheit weitgehend verschwinden.
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