
Devaluierung der Hrywnja Richtung 50: Ukrainische Reserven brennen langsam ab

Von Hans-Ueli Läppli
Seit Jahresbeginn 2026 verliert die ukrainische Hrywnja (UAH) kontinuierlich an Wert gegenüber dem US-Dollar und dem Euro. Offiziell spricht die Nationalbank der Ukraine (NBU) von einer "gesteuerten Flexibilität" des Wechselkurses.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass diese Formulierung eher verschleiert als erklärt und die Kosten dieser Politik vor allem die Bürger tragen.

Von rund 42 UAH je USD zu Jahresbeginn ist der Kurs bis Mitte August 2026 auf knapp 48 UAH gestiegen, mit einem Rekordhoch im Juni. Der Staatshaushalt selbst kalkuliert für das laufende Jahr bereits mit einem Durchschnittskurs von 45 UAH. Das deutet darauf hin, dass die Regierung nicht mit einer dauerhaften Stabilisierung rechnet und eine weitere Abwertung bereits einkalkuliert. Analysten rechnen zum Jahresende mit Werten zwischen 50 und 51 UAH je USD.
Das Wort "gesteuert" suggeriert Kontrolle. Tatsächlich beschreibt es aber vor allem den Versuch, eine strukturell kaum vermeidbare Abwertung so zu gestalten, dass sie keine Panik auslöst. Die Kontrolle über das Tempo bedeutet jedoch nicht automatisch Kontrolle über die Richtung.
Um den Wechselkurs vor abrupten Sprüngen zu schützen, greift die NBU massiv in den Devisenmarkt ein. Allein in der ersten Augusthälfte 2026 verkaufte die Zentralbank Devisen im Wert von 2,11 Milliarden US-Dollar an Importeure. Dabei handelt es sich um Mittel aus den nationalen Reserven, die eingesetzt werden, um den Kurs zu stabilisieren, obwohl die Hrywnja langfristig weiter unter Druck steht. Solche Interventionen sind keine einmalige Ausnahme, sondern gehören inzwischen zum Alltag. Bereits im Frühjahr musste die Zentralbank innerhalb einer einzigen Woche mehr als eine Milliarde US-Dollar aufwenden, um einen weiteren Kursverfall auf über 44 Hrywnja zu bremsen.
Diese Strategie wirft eine unbequeme Frage auf. Wie lange lässt sich eine Währung mit Reserven stützen, wenn die grundlegenden wirtschaftlichen Ungleichgewichte bestehen bleiben? Jede verkaufte Milliarde US-Dollar verringert den finanziellen Puffer für den nächsten Schock. Das könnte etwa eine neue Belastung der Energieinfrastruktur oder eine Verzögerung internationaler Hilfszahlungen sein.

Der eigentliche Treiber der Abwertung ist keine spekulative Attacke, sondern eine schlichte Zahl. Zwischen Januar und Juli 2026 importierte die Ukraine Waren im Wert von 58,1 Milliarden US-Dollar, exportierte aber nur für 24,1 Milliarden US-Dollar. In nur sieben Monaten entstand damit ein Handelsdefizit von rund 34 Milliarden US-Dollar. Die Lücke ist vor allem auf die hohen Importe von Energie, Treibstoff und Rüstungsgütern zurückzuführen, während die Exportmöglichkeiten der ukrainischen Wirtschaft weiterhin stark eingeschränkt sind.
Eine Währung eines Landes, das strukturell deutlich mehr importiert als exportiert, lässt sich auf Dauer nur schwer stabil halten, unabhängig davon, wie stark die Zentralbank interveniert. Die Abwertung ist damit weniger eine politische Entscheidung als eine Folge der wirtschaftlichen Ungleichgewichte, die die NBU lediglich abzufedern versucht.
Wer die Rechnung zahlt
Während Exporteure von einer schwächeren Hrywnja profitieren können, trifft die Abwertung die breite Bevölkerung unmittelbar. Importierte Güter von Energie bis zu Medikamenten werden teurer. Die Inflation lag im Juli 2026 bei 0,3 Prozent im Monatsvergleich, nachdem sie im Juni noch leicht zurückgegangen war. Einige Finanzexperten fordern bereits, dass die Zentralbank ihren Leitzins, der derzeit bei 15,5 Prozent liegt, bis Jahresende weiter anheben sollte, um die Inflation unter Kontrolle zu halten, die weiterhin über dem Zielwert von 2 Prozent liegt. Hohe Zinsen verteuern wiederum Kredite für Unternehmen und Privathaushalte. Das belastet Investitionen zusätzlich, obwohl die Ukraine für den Wiederaufbau dringend neues Kapital benötigt.
Auffällig ist zudem der Zeitpunkt. Ausgerechnet während die Landeswährung unter Druck steht, hat die NBU am 11. August 2026 die Devisenkontrollen spürbar gelockert. Dazu gehört etwa die Vervierfachung des Limits für den bargeldlosen Fremdwährungskauf von Privatpersonen auf 200.000 UAH monatlich. Die Zentralbank selbst rechnet zwar nur mit einer moderaten zusätzlichen Nachfrage nach Devisen. Dennoch setzt die Maßnahme die ohnehin fragile Währung einem zusätzlichen Risiko aus. Denn jede weitere Nachfrage nach US-Dollar oder Euro könnte den Abwertungsdruck verstärken.
Die NBU verdient Anerkennung dafür, dass sie bislang eine unkontrollierte Kurspanik verhindert hat. Doch die Erzählung von der "gesteuerten Abwertung" sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um das Management eines strukturellen Problems handelt, nicht um dessen Lösung.

Das anhaltende Handelsdefizit, der Krieg und die angreifbare Energieinfrastruktur setzen die Hrywnja weiter unter Druck. Damit gerät auch die Kaufkraft der ukrainischen Bevölkerung zunehmend unter Druck. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob die Abwertung weitergeht, sondern wie lange die Reserven und die internationale Unterstützung ausreichen, um sie in geordneten Bahnen zu halten.
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