
"Opa und Oma haben mich bei den Cops verpfiffen" – junger Brite auf Russlands Seite im Ukraine-Krieg

Von Jegor Netschajew
Ein 24-jähriger Kämpfer mit dem Rufnamen Joe kam im Jahr 2025 aus Großbritannien nach Russland. Zuvor arbeitete er bei einer Bank und absolvierte eine Ausbildung zum Privatpiloten. Dann jedoch beschloss Joe, sein altes Leben hinter sich zu lassen und sich freiwillig zur russischen Armee zu melden. Er leistete seinen Dienst gemäß einem einjährigen Vertrag ab und erholt sich nun, während er auf die Bearbeitung seiner Unterlagen für die russische Staatsbürgerschaft wartet und durchs Land reist. RT sprach mit Joe über seinen Dienst, seine Eindrücke von seiner Reise nach Russland und seine Zukunftspläne.
– Aus welcher Stadt kommen Sie? Wo haben Sie gelernt?
– Aus Doncaster, aber den Status einer Großstadt hat der Ort erst vor vier Jahren erhalten – die bekannteste Stadt in der Nähe ist Sheffield. Ich besuchte eine staatliche Schule, spezialisierte mich am College auf Elektrotechnik und Informationstechnologie und arbeitete anschließend bei einer Bank. Danach eine Privatpilotenausbildung, die ich mir selbst finanzierte.
– Wann wurde der russisch-ukrainische Konflikt zum ersten Mal für Sie relevant?
– Gleich von seinem Anfang an, im Jahr 2014. Ein Freund erzählte mir davon, und in den Nachrichten kam es auch. Ich weiß noch, mein Großvater sprach davon. Es gab auch Russen in meiner Gegend – gute Leute, deshalb war ich etwas verwirrt von dem, was die Medien über sie berichteten. Und erst einige Jahre später, als ich schon zum College ging, verstand ich die Situation vollends. Ich kann sagen, dass die Briten im Allgemeinen nur oberflächlich über die militärische Sonderoperation informiert sind. Sie sagen meistens nur: "Russia bad."

– Wann waren Sie zum ersten Mal in Russland? Was waren Ihre ersten Eindrücke?
– Das Jahr davor kam ich an, zunächst für anderthalb Monate, habe in Moskau gewohnt und war auch in Krasnodar als Tourist. Alle, die ich traf, waren sehr gastfreundlich und unkompliziert. Auf dem Rückweg von Krasnodar nach Moskau hatte ich jedoch Probleme mit meinen Papieren und konnte deshalb vorübergehend nicht in einer Herberge übernachten. Aber die Leute, die ich unterwegs kennengelernt hatte, waren sehr hilfsbereit und gaben mir Unterkunft, bis ich schließlich meinen Vertrag als Freiwilliger unterschrieb.
– Wann haben Sie den Vertrag unterschrieben?
– Etwa Mitte Januar in Moskau. Dann ging es an die Front. Bei der Truppe war ich Panzerfaustschütze, habe Stellungen eingerichtet und Drohnen abgeschossen.
Bei einem Interview, das Joe Anfang August 2025 dem russischen Online-Nachrichtenportal Newsfront.su gab, schilderte er eine Erfahrung, die ihn, dessen Tätigkeit an der Front sich damals noch größtenteils mit dem Einrichten von Kampfstellungen und dem Schleppen von Munition und anderem Material erschöpfte, wohl zum Erlernen des Umgangs mit der Panzerfaust bewog. Joe erzählte damals:
"Einmal waren wir gerade dabei, einen Schützengraben zwei Kilometer vom Gegner entfernt zu befestigen – wir sollten für eine andere Einheit die Stellungen vorbereiten. Das Baumaterial war bei einem vorausgegangenen Beschuss stark beschädigt worden – den Zug-Verteidigungsstützpunkt mussten wir mit angebrannten Holzbrettern einrichten und dabei alle Nase lang vor Granaten, die von ukrainischen Drohnen abgeworfen wurden, in Deckung gehen.
Und da sehen wir: Ein feindliches Panzerfahrzeug prescht heran, und eine Granate geht wenige Meter von uns hoch! Mein Vorgesetzter schaut mich an und sagt auf Englisch: 'Ein Panzer. Wir sind wohl was Besonderes.' (This is a tank, I think we are special.)"
Anschließend begann ein gegenseitiger Artilleriebeschuss, den Joes Trupp in einem bereits fertigen Unterstand unbeschadet überstand. Zu dieser Zeit trug der Kämpfer noch den Rufnamen Injun (Indianer) Joe – zu Ehren des in Russland viel gelesenen US-Schriftstellers Mark Twain, und zwar nach einer Figur in dessen Roman "Die Abenteuer des Tom Sawyer" –, der später zu Joe verkürzt wurde.

– Wie haben Familie und Freunde auf Ihre Entscheidung reagiert?
– Meine Familie war dagegen, dass ich Russland helfe: Sie hatten Angst, ich würde sterben. Meine Großeltern haben mich sogar wegen Söldnertum bei der Polizei angezeigt.
Freunde habe ich in Großbritannien leider nicht mehr viele. Zwei sind leider durch die Taten illegaler Einwanderer aus Pakistan ums Leben gekommen.
"Europas Holzhammer-Schmierenkampagne"
– Warum haben Sie sich diesen Funkrufnamen ausgesucht?
– Russen haben Schwierigkeiten, meinen richtigen Namen auszusprechen. Joe ist mein zweiter Vorname – und selbst da nennen sie mich oft John oder Josh.
– Wie haben Ihre Kameraden Sie aufgenommen? Wie schnell haben Sie einen gemeinsamen Nenner gefunden?
– Ja, natürlich haben wir einen gemeinsamen Nenner gefunden. Ich lerne gerade erst Russisch, daher klappen die Gespräche noch sehr begrenzt. Die meisten Leute denken zunächst, ich sei ein europäischer Spion, aber sobald ich alles erklärt habe, ergibt wieder alles Sinn.
Ich musste häufig die Einheit wechseln – das macht es schwer, richtig im Kollektiv anzukommen. Aber einen großartigen Moment gab es, der sich mir besonders eingeprägt hat.
Ein Mann namens Sergei, deutlich über 50, kam auf mich zu, als er erfuhr, dass ich Brite war, drückte mir die Hand und sagte: "Ich liebe britische Musik. Ich verstehe zwar die Texte nicht, aber sie berührt mich tief im Herzen." Er zeigte mir dann seine Playlist – und da sehe ich lauter alte Bands wie Deep Purple, die Beatles und Pink Floyd. Das war sehr nett.
Die meisten der Bands, über die wir dann sprachen, kannte ich nicht einmal – konnte dafür aber anbringen, dass die Beatles durch ihre Konzerte in meiner Heimatstadt Doncaster berühmt geworden waren.
Sergei betonte immer wieder, dass England ohne die britische Musik und den Fußball am Ende wäre.

– Inwiefern unterscheidet sich Ihr aktuelles Wissen über den Konflikt von dem, was die Medien in Europa und den USA berichten?
– Sehr stark. Nehmen wir zum Beispiel deren Aussagen zu militärischen Zielen. Europäische Militärangehörige und sogar die Medien sprechen ständig von ukrainischen Angriffen auf diverse militärische Ziele, während zivile Ziele völlig ignoriert werden. Dabei greift das ukrainische Militär gezielt Zivilisten, Wohnhäuser und so weiter an. Als ich in Primorsko-Achtarsk in der Region Krasnodar war, heulten dort ständig die Luftschutzsirenen, und erst vor Kurzem wurde dort ein Kind getötet.
Da begeht eine Seite abscheulichen Terrorismus, und es ist schlichtweg beschämend, dass Europa stolz auf diese Taten ist und sie unaufhörlich mit Geld und Personal unterstützt. Hinzu kommt die Frage des allgemeinen Kampfgeistes: Die russischen Kämpfer sind im Allgemeinen hochmotiviert. Sie wollen die Befreiung der Ukraine – und dasselbe wollen auch die Ukrainer, die an Russlands Seite kämpfen.
– Seit Beginn der militärischen Sonderoperation kommen immer mehr Menschen aus dem Westen, um für das ukrainische Militär zu kämpfen. Sind Sie Ihren Landsleuten in den Reihen der ukrainischen Streitkräfte begegnet? Was halten Sie davon?
– Dass Europäer sich entscheiden, auf ukrainischer Seite zu kämpfen, ist enttäuschend. Aber ich habe auch durchaus einige Westler im russischen Militär getroffen. Ich glaube, die meisten Menschen schließen sich den ukrainischen Streitkräften an, weil es an zugänglichen Informationen über die Fakten des Krieges mangelt und weil Europa Russland in ständigen Holzhammer-Schmierenkampagnen diffamiert.
– Was haben Sie mit der Zeit nach Ihrem Dienst angefangen?
– Ich erhole mich gerade. Ich habe Moskau, Krasnodar, Sankt-Petersburg (wo es mir sehr gefallen hat) und verschiedene Dörfer besucht. Sobald meine russischen Papiere durch sind, hoffe ich, zu meiner früheren Tätigkeit zurückzukehren: dem Programmieren. Oder als Pilot Flugzeuge fliegen.
Mehr zum Thema – Russischer Botschafter über deutsche Ukraine-Söldner: Solche Abenteuer können nur schlecht enden
Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

