Deutschland

"Geringschätzend den Menschen gegenüber": Interview mit Brandenburger Ex-Lehrerin

Die deutsche Regierung behandelt ihre Bevölkerung mit Geringschätzung, erklärte die ehemalige Lehrerin Susanne Heilemann im Interview mit RT DE. Politische Umverteilungsbeschlüsse zeugten von Missachtung der Bedürfnisse der Menschen. Noch wehrten sich zu wenige dagegen.
"Geringschätzend den Menschen gegenüber": Interview mit Brandenburger Ex-Lehrerin© Felicitas Rabe

Von Felicitas Rabe

Die ehemalige Lehrerin Susanne Heilemann berichtete im Interview mit RT DE über ihre Unzufriedenheit mit der Situation in Deutschland und mit der deutschen Regierung. Zu DDR-Zeiten war Heilemann Lehrerin an einer Polytechnischen Oberschule. Später arbeitete sie als Lehrerin an einer Berliner Grundschule. Heilemann lebt in Brandenburg und ist 71 Jahre alt. Sie ist in keiner politischen Partei, fühlt sich aber dem linken gesellschaftlichen Milieu zugehörig. Das Interview führte Felicitas Rabe am 28. Oktober.

Geringschätzung der Bevölkerung durch deutsche Regierung

Besonders unzufrieden sei sie mit dem geringschätzigen Umgang der deutschen Regierung mit der Bevölkerung, erklärte Heilemann zu Beginn des Interviews. Die Menschen könnten schon deshalb der Regierung nicht vertrauen, weil sie vor den Wahlen gegebene Versprechen vielfach nicht einhalte. Die Lehrerin kommentierte:

"Und das finde ich sehr geringschätzend den Bürgern gegenüber, den Menschen gegenüber."

Die Geringschätzung der eigenen Bevölkerung spiegele sich in vielen anderen Beschlüssen der Regierung wider, zum Beispiel beim Abbau von Sozialleistungen, beim Umgang mit Bildung oder bei der Umsetzung der Gesundheitsreform. Die Interessen der Menschen im Lande würden bei Regierungsbeschlüssen kaum beachtet. Es passiere nicht viel, "was den Menschen das Gefühl gibt, ich kann dieser Regierung mein Vertrauen schenken". 

Bewertung und Erfahrungen mit der Pflegereform

Offiziell gebe es die Sparmaßnahmen bei der Pflegereform und die Streichung der Pflegestufe 1, angeblich, um die Pflegeversicherung zu stabilisieren. Tatsächlich handelt es sich aber in den Augen Heilemanns einfach nur eine Umverteilung des Geldes hin zu anderen Ausgaben – für die Menschen in diesem Land werde immer weniger getan.

Die ehemalige Lehrerin kenne Menschen, die auf Pflege angewiesen seien. Diese würden mit ihren Problemen mehr und mehr im Stich gelassen. Alltagshilfe für auf Hilfe angewiesene Mitbürger werde zukünftig nicht mehr angeboten. Heilemann nannte ein Beispiel aus ihrem Bekanntenkreis: "Wir haben einen Bekannten, der sehr schwer an ALS erkrankt ist. (…) Er sitzt im Rollstuhl, er kann sich nicht mehr bewegen. Und da wurde jetzt neu eingeschätzt, es fehlen ihm zwölf Punkte zur neuen Pflegestufe."

Kritik an der Gesundheitsreform

Was die Gesundheitsreform mit sich bringe? Die medizinische Versorgung der Bevölkerung werde immer schlechter, immer mehr Krankenhäuser würden geschlossen. Die Brandenburgerin schilderte, wie in ihrer Heimatstadt die medizinische Versorgung gekürzt werde: "Ich weiß es konkret aus meiner Stadt Bernau. Hier wird die Säuglingsstation, bzw. die Entbindungsstation geschlossen, weil es sich nicht lohnt, weil im Jahr nicht mehr 500 Babys auf die Welt kommen, sondern vielleicht nur noch 270. Und da macht man dann ohne große Diskussion diese Station zu."

Es werde auch immer schwieriger, Arzttermine zu bekommen. Zudem gebe es Probleme mit einer Sonderrufnummer für Facharzttermine. Dafür brauche man ohne Ende Geduld.  

Bewertung des deutschen Bildungssystem

In Bezug auf das aktuelle Bildungssystem kommentierte die ehemalige Lehrerin: "Wenn man es Bildungssystem nennen könnte, wäre es gut. (...) Das Bildungssystem in Deutschland hat meiner Meinung nach total versagt." In der PISA-Studie tummele sich Deutschland irgendwo am Ende der Fahnenstange. Die aktuellen Bildungskonzepte, sie könne da nur aus ihrer Erfahrung in Berlin sprechen, seien nicht tragfähig.

Ein Grund für die Bildungsdefizite sei die stetige Reduzierung bei den Leistungsanforderungen. Die immer schlechter werdenden Bildungswerte, würden weiterhin als gut genug eingestuft werden, um notwendige Fördermaßen einzusparen. Gleichzeitig habe die Brandenburgerin auch den ganz persönlichen Eindruck, "niemand möchte hier eine mehr Verantwortung, nicht nur für die Bildung, sondern auch für die Erziehung unserer jungen Generation übernehmen".

Schließlich sei auch ein eklatanter Lehrermangel für die Bildungsmisere in Deutschland zuständig. Junge unerfahrene Lehrer, die direkt von den Unis kämen, würden ohne Begleitung durch erfahrene Kollegen vor die Klassen gestellt. Oftmals würden sogar schon Studenten eingesetzt, ebenfalls ohne pädagogische Unterstützung. Viele von diesen jungen Kandidaten gäben nach kurzer Zeit auf.

Als sie vor vielen Jahren als frischgebackene Lehrerin mit dem Unterrichten angefangen habe, habe es unter den Pädagogen noch ein stetiges Miteinander gegeben. Man habe einander unterstützt. Neben dem mangelnden pädagogischen Miteinander komme in vielen Kollegien noch die vermehrte Einstellung sogenannter Quereinsteiger hinzu. Bei diesen Kollegen könne man überhaupt nicht einschätzen, wie sie sich als Lehrer bewähren könnten.

Zufrieden mit der Kriegstüchtigkeit?

Schließlich wollte RT DE von der Brandenburgerin noch wissen, wie zufrieden oder unzufrieden sie mit der deutschen Außenpolitik sei. Sie und ihr Mann sorgten sich über eine "sehr akute Kriegsgefahr in Europa und dass Deutschland in den Krieg gehen möchte". Hierzulande werde für die Kriegstüchtigkeit aufgerüstet. Gleichzeitig werde den Menschen im Lande vermittelt, Russland werde uns gefährlich:

"Die Gefahr geht von Russland aus, wird uns gesagt und wird den Menschen vermittelt. Ich sehe es nicht so. Russland hat ein Recht darauf gehabt, als sie 1989 hier bei uns abzogen, dass sie in ihrem Land in Sicherheit leben können – in einer Hoffnung, dass eine friedliche Welt auf sie zukommt."

Ihr zufolge ist dies aber nicht im Interesse einer deutschen Regierung. Die Regierung wolle Rüstungsgeschäfte befördern, wie zum Beispiel neuerdings auch in Leipzig: "Wir haben am Beispiel Leipzig gerade gehört, dass dort neue Rüstungsbetriebe eröffnet werden sollen, und ich finde das ganz, ganz gefährlich", so Heilemann. 

Sie und ihr Mann beteiligten sich regelmäßig an Friedensdemos. Dringend müssten mehr Menschen gegen die Aufrüstung demonstrieren. Insbesondere vermissten sie die junge Generation. Vertreter der älteren Generation beteiligten sich, weil sie noch wüssten, was Krieg bedeute: "Die Älteren sind vor Ort, die Älteren, die wissen, worum es geht."

Viele Menschen in Deutschland seien unzufrieden. Dabei werde man im Fernsehen über die wahren Verhältnisse nur desinformiert. Zu ihrem Bedauern ließen sich die Menschen nur schwer dazu bewegen, etwas gegen die herrschenden Zustände zu unternehmen, erklärte die Lehrerin am Ende des Interviews:  

"Die Menschen meckern und schimpfen. Und überall, wo man ist, wird sich darüber ausgetauscht, wie schlimm es momentan doch bei uns in Deutschland aussieht. Aber letztendlich einen Schritt zu gehen, um aktiv zu werden und zu sagen, was kann ich tun, damit ich auch einen Beitrag leiste, ist sehr, sehr schwierig."

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