Die einen brechen in Glückstränen aus, die anderen bleiben fassungslos zurück. Die Entscheidung ist gefallen, und den Verlierern bleibt oft nur ihre Wut als letztes Mittel, um die empfundene Ungleichbehandlung irgendwie erträglich zu machen. Nach dem hochdramatischen und eigentlich sehenswerten Achtelfinale zwischen Argentinien und Ägypten kochten die Emotionen hoch. Auch einen Tag nach dem Spiel sorgen die Ereignisse noch für hitzige Debatten und Ärger im Netz.
Die meiste Spielzeit lagen die Argentinier – anders als vom Titelverteidiger erwartet – zurück. Ägypten ging nach 15 Minuten in Führung: Yasser Ibrahim köpfte zum 1:0 ein. Sechs Minuten später bot sich Superstar Lionel Messi per Elfmeter die Chance zum Ausgleich, doch der ägyptische Torwart Mostafa Shobeir parierte seinen Schuss souverän.
Das zweite Tor der Ägypter fiel in der 58. Minute, doch das vermeintliche 2:0 wurde nach Sichtung der Videobilder wegen eines Foulspiels aberkannt. Schon diese Szene sorgte für Empörung bei der ägyptischen Mannschaft und ihren Fans. Der Schiedsrichter hatte die Szene aus nächster Nähe beobachtet und zunächst kein Foul erkannt. Auch die ARD-Moderatorin meinte: "Für mich ist es kein Foul." Die Kamera fing für einen kurzen Moment das Gesicht von Lionel Messi ein, der dem Schiedsrichter mit seiner Mimik deutlich machte, dass er mit dem Tor der Ägypter nicht einverstanden war. Eine Minute später fiel nach VAR-Überprüfung die Entscheidung zugunsten der Argentinier.
Keineswegs ließ sich die "Pharaonen"-Elf dadurch entmutigen. Zwölf Minuten später traf Mostafa Ziko erneut – und dieses Mal zählte das Tor. Das sensationelle 2:0 für Ägypten hielt weitere zehn Minuten. Die verzweifelten Angriffe des Titelverteidigers blieben zunächst erfolglos, und das Spiel steuerte unaufhaltsam auf eine Sensation zu. Dann jedoch wendete sich das Blatt: Cristian Romero erzielte in der 79. Minute den Anschlusstreffer, vier Minuten später glich Messi aus.
Zu Beginn der Nachspielzeit war die Spannung auf dem Höhepunkt. Die Ägypter wirkten weder gebrochen noch eingeschüchtert durch die plötzliche Leistungssteigerung der Weltmeister. Sie spielten weiter mutig nach vorn, und so kam es in der 92. Minute zu jener Szene, die bis heute für Diskussionen sorgt.
Zunächst wurde Hamdy Fathy im Strafraum am Trikot gehalten und ging zu Boden. Der Grund: Er hätte den Ball erreichen können. Nur rund 30 Minuten zuvor hatten die Videoschiedsrichter in einer ähnlichen Situation ein Foul der Ägypter erkannt, was zur Aberkennung ihres zweiten Tores geführt hatte.
Fathy protestierte – erfolglos. Der Angriff lief weiter, und kurz darauf drang der ägyptische Superstar Mohamed Salah über die rechte Seite in den Strafraum ein. Ein Abwehrspieler stellte ihm den Fuß in den Weg, Salah ging zu Boden. Ab diesem Moment leitete Argentinien den schnellen Konter ein, der schließlich zum entscheidenden 3:2 führte. Wäre das Spiel spätestens an dieser Stelle unterbrochen worden, hätte sich diese Szene nicht entwickeln können. Kurzum: Nach Ansicht der Ägypter wurden in gleich zwei Situationen Strafstöße nicht gegeben. Auch der VAR griff nicht ein – stattdessen fiel im Gegenzug das Siegtor (3:2) für Argentinien.
"Manipuliertes Spiel und Doppelmoral"
Die Reaktion der Ägypter ließ nicht lange auf sich warten. Offenbar konnten und wollten sie nicht fassen, was ihnen widerfahren war. Zunächst erhob Nationaltrainer Hossam Hassan schwere Vorwürfe gegen das Schiedsrichterteam.
"Ich werde sagen, was ich denke – ganz gleich, welche Konsequenzen das hat. Das war ganz klar ein manipuliertes Spiel, und die ganze Welt hat das gesehen. Wir waren besser als der Weltmeister, aber das Ergebnis ist durch interne und externe Faktoren beeinflusst worden", sagte er nach dem Spiel und nahm Schiedsrichter François Letexier aus Frankreich ins Visier.
"Die Argentinier haben Druck auf den Schiedsrichter ausgeübt", erklärte Hassan und betonte, man habe Letexier bereits im Vorfeld "abgelehnt". Seine Kritik machte er vor allem an zwei Szenen fest: "Ein Elfmeter für uns ist nicht einmal vom VAR überprüft worden." Außerdem sei das erste Tor von Mostafa Ziko (58.) "aus welchen Gründen auch immer" aberkannt worden.
Hassan kündigte einen persönlichen Protest an. Sollte Messi mit Argentinien am 19. Juli erneut Weltmeister werden, werde er dies erst im Nachhinein erfahren. "Ich werde die Spiele dieser WM nicht weiter verfolgen und nicht mehr anschauen", sagte er. "Das ist meine Art, meine Stimme zu erheben."
Auch Torschütze Ziko sprach von Betrug: "Glückwunsch an Argentinien zum WM-Titel. Das Turnier war manipuliert. Es ist offensichtlich, dass ihr WM-Sieg geplant ist. Der Schiedsrichter war unfair. Er hat die Mühen einer ganzen Nation zunichte gemacht."
Auch der ägyptische Fußballverband schaltete sich ein und drängte auf ein juristisches Nachspiel. Verbandspräsident Hany Abo Rida erklärte vor Reportern im Mannschaftshotel, man habe Beschwerde gegen den französischen Schiedsrichter François Letexier und dessen Assistenten eingereicht. Zudem fordere der Verband den Ausschluss des Schiedsrichterteams vom Turnier. Dieses habe entscheidende Fehler begangen. Nach Ansicht des Verbandspräsidenten waren Letexier und sein Team maßgeblich für die Niederlage gegen den Titelverteidiger verantwortlich. Abo Rida begründete die Beschwerde neben eklatanten Schiedsrichterfehlern auch mit einer offensichtlichen Doppelmoral.
"Ärger nachvollziehbar"
Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich konnte den Ärger der Nordafrikaner nachvollziehen. "Alle strittigen Entscheidungen sind gegen Ägypten getroffen worden", sagte der Experte bei MagentaTV. "Die negativen Emotionen, die da herauskommen, sind nachvollziehbar."
Unmittelbar vor dem 3:2 hatte Alexis Mac Allister Hamdy Fathy beim Eindringen in den argentinischen Strafraum am Trikot gezogen. "Für mich – und da bin ich relativ deutlich – ist das eigentlich ein Strafstoß", sagte Ittrich. "Er macht nichts anderes, als am Trikot zu ziehen. Der Impuls ist da, den Spieler dadurch daran zu hindern, eventuell an den zweiten Ball zu kommen."
Warum der Videoschiedsrichter nicht eingriff, blieb zunächst unklar. Vermutlich habe dieser das Vergehen nicht als eingreifwürdig eingestuft. "Anders kann ich es mir nicht erklären", sagte Ittrich. Insgesamt seien die Abläufe im Schiedsrichterteam um Hauptschiedsrichter Letexier zwar "korrekt" gewesen. Es habe jedoch wohl die "letzte Überzeugung gefehlt, um auf einen glasklaren Fehler zu kommen", sagte ARD-Schiedsrichterexperte Lutz Wagner.
Auch im Netz hagelt es Kritik an einer mutmaßlichen Parteilichkeit der Schiedsrichter. Der Berliner Journalist und BSW-Politiker Manaf Hassan sprach in einem Facebook-Beitrag sogar von hochgradiger FIFA-Korruption und erhielt dafür viel Zuspruch. Zudem wurde berichtet, dass Schiedsrichter François Letexier seinen Instagram-Account nach einer Welle von Shitstorm-Attacken gelöscht haben soll.
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