Streit um KI-Texte: "Maschinenstürmerei" oder die Schreiber von Stepford?

Weil die Suche danach gerade erst beginnt, weiß im Moment niemand, wie weit sich von KI geschriebene Texte bereits verbreitet haben. Unverkennbar gibt es eine Tendenz, menschlichen Verstand durch Denksimulationen zu ersetzen. Die Debatte darüber beginnt erst.

Von Dagmar Henn

Schade, dass der Tagesspiegel die inkriminierten Stücke seines ehemaligen Chefredakteurs entfernt und man nicht rechtzeitig die Links für ein Auffinden in der Wayback-Machine gespeichert hat. Denn ja, natürlich geht es bei der Frage, ob Texte von KI geschrieben werden oder nicht, auch um die Inhalte.

Wobei man als dem Mainstream fernstehender Journalist ohnehin verblüfft fragt, was denn an den immer selben Positionen innerhalb einer eng gezogenen Linie noch unterscheidbar sein soll. Wenn beispielsweise das Thema "Russische Schattenflotte" auftaucht, und die gesamte Meute der Leitmedien stets nur dieselben Sätze nachbetet: überalterte Schiffe, die eine Umweltgefährdung darstellen … nur als Beispiel. Und keiner, wirklich keiner davon, die vorliegende Liste der von der EU unter dieser Überschrift einsortierten Schiffe auf ihr Alter überprüft. Behauptungen von gewissen Stellen werden nicht überprüft, auch dann nicht, wenn es auf heutiger technischer Grundlage nur Minuten dauern würde. Das, was dann veröffentlicht wird, eine der unzähligen Transmutationen der Presseerklärung, ließe sich tatsächlich maschinell erledigen.

Es gibt einen alten Science-Fiction-Film, der mit als erstes die Vorstellung thematisiert, Menschen durch Menschmaschinen zu ersetzen: Die Frauen von Stepford (und ja, ich bevorzuge das alte Original). Ein Paar zieht in einen Vorort, eben dieses Stepford, die Frau freundet sich mit einigen der Nachbarinnen an, aber nach und nach verändern sich diese radikal und werden zu Abziehbildern von Hausfrauen der 1950er. Am Ende findet die Heldin heraus, dass sich die Ehemänner verschworen haben, ihre Frauen durch Roboter zu ersetzen.

Man muss es leider eingestehen: In vielen Medien würden die Leser es nicht merken, ob ein Text von einem lebendigen Redakteur oder einer KI erstellt wurde. Das gilt desto stärker, je angepasster der echte oder vermeintliche Autor an die enge Zone des erlaubten Diskurses ist. Den hundertsten Artikel darüber, dass die EU die Kapitulation Russlands fordert, kann auch ein Automat schreiben.

Aber die Wurzel dessen ist weniger, dass sich die Maschine immer mehr dem Menschen annähert und der mechanische Türke, der im 18. Jahrhundert einen menschlichen Schachspieler simulierte, indem ein im Sockel verborgener Kleinwüchsiger die Züge des Automaten lenkte, inzwischen auf den Menschen verzichten kann. Das Problem ist, dass die Gleichschaltung, die spätestens mit Corona eingesetzt hat, den Menschen der Maschine angenähert hat. Er vielfach ununterscheidbar geworden ist, nicht nur durch eine Normung des Stils, sondern auch eine der Ansichten.

Man kann sich das Vergnügen mal gönnen und eines der Themen betrachten, die durch den ganzen Blätterwald rauschen. Eine Korrektur der Wirtschaftsprognosen beispielsweise. Dann die Presseerklärung nehmen, die in den Artikeln verarbeitet wird und mit den verschiedenen Texten vergleichen. Die Unterschiede sind gering, und man wird feststellen, dass sehr selten zusätzliche Informationen geliefert werden. Das ist auch ein Resultat veränderter Produktionsbedingungen – die Reihen der Festangestellten wurden über die Jahrzehnte hinweg immer dünner, Zeitungen lassen sich reihenweise ihre Inhalte bereits zu großen Teilen unverändert von Zentralredaktionen liefern, und jene Bereiche, in denen der Spielraum für persönliche, unmittelbare Erfahrung am größten wäre, Lokal- und Auslandsberichterstattung, wurden am deutlichsten gekappt.

Im Hintergrund dieser Debatte lauert also eine ökonomische Frage, die der Tagesspiegel mit seiner Phrase von der "journalistischen Glaubwürdigkeit" nur noch notdürftig verdecken kann: Welche Entwicklung ist zu erwarten, wenn man die Veränderungen der letzten Jahrzehnte weiter in die Zukunft fortführt? Die meisten einfachen Arbeiten, also eben diese umgeschriebenen Presseerklärungen, werden durch KI ersetzt. Aber man könnte selbst viele politische Kommentare derart stricken lassen. Je näher an der Mitte des berüchtigten Overton-Fensters, desto leichter.

Kein Wunder, dass ausgerechnet Mathias Döpfner sich aus diesem Anlass einen KI-Kommentar liefern ließ, der von den Maschinen-Stürmern der FAZ schreibt (die FAZ hatte einen KI-erstellten Kommentar gelöscht), wobei die Verquickung der Maschinen-Stürmer, die sich einst im 19. Jahrhundert etwa aus den Webern rekrutierten, die durch die mechanischen Webstühle ersetzt wurden, mit dem ebenfalls aufgerufenen Nazi-Blatt Stürmer eine politisch und historisch recht kenntnisfreie Kreuzung darstellt. Wie auch immer, Döpfner ließ sich das liefern, was er persönlich auch meint, selbst wenn er es vermutlich etwas besser formuliert hätte. Immerhin ist er mit 22 Prozent ein großer Anteilseigner des Springer-Konzerns, was ihn in diesem Fall in das verwandelte, was Karl Marx einmal die "Charaktermasken des Kapitals" nannte: Natürlich befürwortet er einen weitreichenden Einsatz von KI, weil diese gigantischen Programme das Textmaterial, das er dem Publikum andrehen will, billiger formulieren. Hier spricht die Quartalsgewinnsprognose.

NTV gönnte sich, mit Blick auf Mario Voigt, der die KI-Formulierungen mit ministerpräsidentialen Weihen versehen hatte, sogar einen frecheren Kommentar (von Hendrik Wieduwilt): "Politiker, die ohnehin seit Jahren gern aus Angebergründen promovieren und plagiieren, müssen sich im KI-Zeitalter fühlen wie Charlie in der Schokoladenfabrik." Das dürfte nicht nur Politikern so gehen. Die meisten Kommentare der ARD-Tagesschau leiden unter einem solchen Mangel an persönlicher Note, dass sogar die künstliche Version noch ein Gewinn sein könnte. Aber was sollen dann, um Himmels willen, die Volontäre noch verfassen, wenn der Bericht von der örtlichen Hundeschau aus der Maschine kommt und sie an die ernsthafteren Themen sowieso nicht rangelassen werden?

Da laufen gleich mehrere Entwicklungen ineinander: die aus ganz anderen Gründen etablierte, omnipräsente Zensur, die Verwertungsprobleme der traditionellen Printmedien und das bereits installierte willige Personal, das schon jetzt so wenig Unterscheidbares zu bieten hat, dass eine Gegenwehr nur schwer erfolgreich sein könnte. In dem Moment, in dem jede Abweichung von der Gesinnungsnorm Desinformation oder gleich "Hass und Hetze" oder "Politikerbeleidigung" ist, ist das Feld bereits geräumt, ehe der vermeintlich allwissende Apparat übernehmen kann.

"Journalistische Glaubwürdigkeit" wäre eine schöne Sache. Wie es darum steht, das hat sich in der Zensurdebatte der letzten Jahre gezeigt. Was sich tatsächlich findet, wenn man von den verteufelten Alternativmedien absieht, ist ein eklatanter Mangel an Recherchewillen und -fähigkeit. Das Stichwort "Schattenflotte" ist dafür ein wunderbares Beispiel, weil nicht nur bei der Frage des Alters der Schiffe geschlampt wird, sondern auch bei der Frage, wem das Öl eigentlich gehört, das auf diesen Schiffen transportiert wird - im Erdölhandel ist der übliche Ort des Eigentumsübergangs der Kai des Hafens, in dem das Schiff beladen wird. Sobald die Beladung abgeschlossen ist, gehört die Ware dem Kunden. Das ist auch in anderen Bereichen des Seehandels so üblich. Aber das wären eben Details, die nicht wirklich zum Getöne passen, das aus den EU-Lautsprechern tönt, weshalb man lieber gar nicht erst hinsieht.

Doch je mehr das politische wie das mediale Personal an die Frauen von Stepford erinnert, dutzendfache Abgüsse derselben Matrize, desto stärker wird die Sehnsucht des verständigen Publikums nach echter Meinung, nach ernst gemeinter Überzeugung, nach einer opportunismusfreien Zone mit wiedererkennbarem Charakter. Denn es geht nicht nur um den zehnten Aufguss derselben Pressemeldung.

Das Vergnügen an einem guten Text ist jenes Prickeln, wenn sich die eigenen Sinne weiten, selbst im Widerspruch zum Geschriebenen; im besten Fall werden Aspekte und Wahrheiten erfasst, die an der Grenze des Sagbaren liegen. Die Maschine reproduziert nur das bereits Dagewesene. Sehnsucht, Schmerz, Schrecken kann sie nur simulieren. Der einzelne Mensch hat den Vorteil, die vorhandenen Daten durch sein persönliches Erleben, sein persönliches geistiges Heranwachsen auf einzigartige Weise zu kombinieren. Die Auflagenverluste der Zeitungen sind auch Folge der Ununterscheidbarkeit, des Verzichts auf erkennbare Stimmen.

Und in der Politik? Da gibt es aktuell ein Übermaß an solchen, die bereit sind, sich jeder Konformität zu unterwerfen. Es wird eine Gegenbewegung geben, bei der wieder das Kantige, Explizite hervortritt, weil man nur von Menschen mit wirklichen Überzeugungen erwarten kann, gegebene Versprechen auch zu halten. Oder sich der Käuflichkeit zu verweigern. Eigenschaften, die eine künstliche Intelligenz nicht bieten kann.

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