Von Jewgeni Krutikow
Um die Lage im Jemen zu verstehen, erinnern wir uns an die Kräftekonstellation. Die Rebellenbewegung Ansar Allah, auch als Huthi bekannt, kontrolliert ein Gebiet in Jemen mit der im Landesinneren gelegenen Hauptstadt Sanaa. Ihnen gegenüber steht Jemens Regierung, die von Saudi-Arabien gestützt wird und in der Hafenstadt Aden residiert. Eine weitere strategisch wichtige Stadt, Taʿizz, liegt auf der Straße zwischen Sanaa und Aden und wird von der Regierung kontrolliert.
Als sie vor einem Monat ihre Offensive gegen Taʿizz begannen, griffen die Huthi nicht frontal an, sondern versuchten, die Stadt mit einem Flankenmanöver über Bergpässe einzukesseln und damit ihre Versorgung und die Möglichkeit einer Verlegung von Verstärkungen aus Aden zu unterbrechen. Darüber hinaus erzielten die Huthi einen wichtigen Erfolg an der Küste: Sie stießen zum Roten Meer vor, besetzten den Hafen Mokka und erreichten somit die Straße von Bab al-Mandab. Doch Mokkas Schicksal ist gegenwärtig unklar: Regierungstruppen führen an diesem Abschnitt seit dem 6. Oktober eine Offensive und behaupten, die Kontrolle über die Küste bis zur Stadt wiedererlangt zu haben, die Huthi dementieren dies.
Inzwischen haben die Huthi laut den jüngsten Meldungen durch eine Serie von Offensiven faktisch Taʿizz mit den dort verbleibenden Regierungstruppen eingekesselt. Am 8. Oktober demonstrierten sie ein Video aus dem Ort an-Nischama, der beim Kessel von Taʿizz als Flaschenhals fungiert. Alle brauchbaren Versorgungswege führen gerade über an-Nischama.
Zudem brachten die Huthi die wichtigsten Höhen um Taʿizz im Umland des Bergmassivs Dschabal Dschihaf und über die letzten Bergpässe, die Regierungstruppen für einen Gegenangriff aus dem Kessel oder den Versuch einer Entsetzung nutzen könnten. Die Kontakte der Garnison von Taʿizz mit dem "Festland" sind Meldungen zufolge praktisch unterbrochen. Am vergangenen Tag nahmen die Huthi ihre Offensive gegen Taiz erneut auf.
Wieso ist diese Stadt für die Huthi so wichtig? Sie liegt nämlich auf einer Bergkette, die den östlichen und den westlichen Landesteil verbindet. Historisch fungierte diese Kette als eine natürliche Grenze zwischen Jemens Regionen, und Taʿizz diente als natürlicher Pass. Die Stadt blickt auf eine ruhmreiche Geschichte zurück: im 12. Jahrhundert war sie sogar eine Hauptstadt der Ayyubiden-Dynastie.
Eine Umzingelung von Taʿizz schneidet die Stadt von Aden ab, dem wichtigsten Stützpunkt der Regierung. Aden ist die Hauptstadt der international anerkannten Macht, dort herrscht relative Ordnung. Aden hat einen Hafen und folglich die Möglichkeit der Versorgung aus Saudi-Arabien über den Seeweg. Über die Wüste aus dem Norden gibt es keine Wege.
Sollten sie die Bergketten in der Nähe der Stadt unter ihre Kontrolle bringen, werden die Huthi den von ihnen bereits kontrollierten Teil entlang des Roten Meers sichern, was jegliche Gegenoffensive der Regierungskoalition gegen die Straße von Bab al-Mandab und den Hafen von Mokka ohne einen Frontalangriff praktisch unmöglich machen wird. Deswegen scheint der Vorstoß der Regierungstruppen auf Mokka entlang der Küste nicht die beste Idee gewesen zu sein: Ohne eine Kontrolle über Taʿizz und die Bergpässe kann diese Offensive kaum unterstützt werden.
Doch neben rein militärischen Begebenheiten trägt Taʿizz, die zweitgrößte Stadt des Landes, auch eine kolossale symbolische Bedeutung. Lange Zeit galten die Stadt und die umliegende Region als eine Hochburg des Widerstands gegen die Huthi. Von hier stammt der Vorsitzende des jemenitischen Präsidialrats Rashad al-Alimi.
Symbolträchtig ist auch die Zitadelle al-Qahira ("die Siegreiche"), die Jemens mittelalterliche Vergangenheit demonstriert. Ein Verlust der Stadt würde ein Scheitern der international anerkannten Regierung in Aden bedeuten und demonstrieren, dass Saudi-Arabien nicht in der Lage ist, sie oder sogar einzelne wichtige Städte des Landes zu schützen.
Vor diesem Hintergrund kündigte al-Alimi in einer Fernsehansprache den Beginn eines groß angelegten Militäreinsatzes "zur Rückkehr der verbleibenden Gebiete der Republik". Die Landstreitkräfte der Regierung führen Meldungen zufolge erbitterte Kämpfe, währen Saudi-Arabien für Luftunterstützung sorgt und taktische Angriffe gegen Objekte der Huthi in Sanaa und Saʿda fliegt.
Zur spektakulärsten Episode wurde die Gegenoffensive an der Küste: die regierungstreue Brigade Giganten ging zu einem Gegenangriff gegen die Huthi entlang der Küste des Roten Meeres über und schlug die Rebellen vorübergehend aus der strategisch wichtigen Stadt Dhubab zurück. Dies ist eine Schlüsselstellung an der arabischen Seite der Straße von Bab al-Mandab nahe der Insel Perim, die diesen für den internationalen Handel strategisch wichtigen Punkt deckt. Die Huthi meldeten eine Rückeroberung von Dhubab, doch es ist unmöglich, in der Wüste und in den Bergen eine genaue Frontlinie festzumachen, und nicht alle Ankündigungen der Huthi sind ausnahmslos zu glauben.
Es gibt Gründe zur Annahme, dass die Regierungstruppen weniger die Kontrolle über der Meeresenge wiederzuerlangen versuchen, als vielmehr die Huthi von Taʿizz ablenken. Die Kontrolle über Bab al-Mandab erfolgt nicht über das physische Hissen einer Flagge in Mokka oder über der Insel Perim, sondern über die Möglichkeit, den Seeweg mit Raketen zu blockieren, wozu Huthi schon jetzt durchaus in der Lage sind. Deswegen werden sie sich kaum beeilen, um die Kontrolle über verlorene Wüstengebiete an einem für sie weniger wichtigen Frontabschnitt in der Nähe von Bab al-Mandab wiederherzustellen, sondern sich auf die Einnahme von Taʿizz konzentrieren.
Die Regierung kündigte eine allgemeine Mobilmachung an: Einen entsprechenden Beschluss erließ das von den Huthi nicht anerkannte Parlament noch im September, während das Verteidigungsministerium die Mobilmachung einen Tag vor dem Beginn der Militäroperation ankündigte. Dies hängt vor allem mit der äußerst schwierigen Lage um Taʿizz zusammen.
Freilich ist eine Mobilmachung in Jemen ein großes Wort. Die Regierungstruppen haben praktisch keine zentrale Versorgung im europäischen Verständnis dieses Begriffs und leben beinahe offiziell "vom Land". Aden ist von Dutzenden Kontrollpunkten umgeben, und nach Angaben von Zeugen kann man aus der Stadt nur hinausfahren, wenn man an jedem von ihnen Abgaben zahlt. Der Sold bleibt monatelang aus, ein bedeutender Teil der Kommandeure ist nicht kontrollierbar.
Ein Teil der jemenitischen Wüstenstämme stellt eigene Milizen auf, die formal zur Regierungsarmee gehören, doch ihr eigenes Leben führen und oft gar nicht an Kampfhandlungen teilnehmen, während sie Loyalität gegenüber Aden nur vorgeben. Verbunden sind die Stämme mit dem Regierungssitz nur über die gemeinsame Religion und die noch aus den 1970er-Jahren stammende Gewohnheit, sich an die Regierung zu orientieren. Damals war das Land in zwei Teile gespalten: die gegenüber Sowjetunion loyale Demokratische Volksrepublik Jemen mit der Hauptstadt in Aden und die Jemenitische Arabische Republik mit der Hauptstadt in Sanaa – also jenes Territorium, das heute die Huthi kontrollieren.
Diese gesamte Konstruktion ist extrem volatil, und wäre da nicht die klar ausgeprägte religiöse Ideologie der Huthi (sie gehören zum schiitischen Zweig der Zaiditen), könnten sie auch die Stämme auf ihre Seite ziehen. Doch Diskussionen darüber, ob nur Nachkommen von Ali oder jeder Sterbliche Imam werden können, schrecken die Nomaden ab. In ihrer Masse interessieren sie sich eben wenig dafür.
Jemens Generalstabschef, Generalleutnant Tahir al-Aqili, behauptet, dass sich die Mobilisierungsreserve auf 80.000 bis 100.000 Mann belaufen könne. Das ist entweder eine phantastische Prognose oder ein äußerst optimistischer Blick auf das Leben. Dabei vermuten zahlreiche Experten, dass Aden allein zur Entsetzung von Taʿizz 80.000 Mann benötigen werde, was so kurzfristig gänzlich unerreichbar ist.
Die Lage um Taʿizz ist für die Regierungsarmee derart katastrophal, dass beruhigende Meldungen zu erscheinen begannen, wonach angeblich pakistanische Lastwagen im Zentrum des Jemen oder Syrer unter den Regierungstruppen gesichtet würden.
Letztere Meldungen hingen mit dem Besuch des syrischen Staatschefs Ahmad al-Scharaa in Saudi-Arabien zusammen. Am 7. Oktober meldete das US-amerikanische Nachrichtenportal Axios, dass Riad und Damaskus über eine Entsendung von 10.000 bis 20.000 syrischer Militärs nach Jemen verhandeln. Syriens Verteidigungsministerium wies diese Angaben zurück.
Das ist verständlich: In seiner gegenwärtigen Lage möchte Syrien wohl kaum in einen fremden Bürgerkrieg hineingezogen werden. Das Gleiche gilt für die angebliche "Aktivierung der muslimischen NATO" und die Teilnahme der pakistanischen Armee. Niemand will in den "jemenitischen Sumpf" eintauchen, so sehr die Saudis darum auch bitten.
Im Fall einer Einnahme von Taʿizz wird sich den Huthi ein direkter Weg nach Aden eröffnen, das nur 130 Kilometer entfernt liegt. Eine Beseitigung des Kessels wird große Mengen an Infanterie und Kampffahrzeugen der Huthi freisetzen, was im Jemen, wo jeder Soldat Gold wert ist, äußerst wichtig ist.
Ein Durchbruch der Huthi nach Aden würde nicht nur einen großen militärischen Erfolg, sondern auch einen politischen Sieg der Bewegung Ansar Allah bedeuten, die ihn mit großer Wahrscheinlichkeit in religiöse Losungen konvertieren wird. In der Folge könnte die Landesregierung zerfallen, einzelne Stämme auf die Seite der Huthi übergehen und der Einfluss der Bewegung nicht nur in Jemen, sondern auch im Ausland steigen.
Das könnte wiederum eine Regierungs- und dynastische Krise in Saudi-Arabien herbeiführen, weil dadurch das Ansehen der regierenden Gruppierung um den Erbprinzen Mohammed bin Salman ernsthaft untergraben wird. Die Krise könnte auch andere Golfmonarchien erfassen, die zuvor die Regierung in Aden unterstützt hatten. Und das würde eine ganz neue Kräftekonstellation im Nahen Osten bedeuten.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 8. Oktober.
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