Von Geworg Mirsajan
Der diplomatische Konflikt, der in der vergangenen Woche zwischen Seoul und Kiew entstanden ist, spitzt sich weiter zu. Die Südkoreaner weigern sich, die diplomatische Falle, die die Kiewer Führung Präsident Lee Jae-myung gestellt hat, einfach so hinzunehmen. Stattdessen überlegen sie bereits, wie sie darauf reagieren sollen.
Alles begann damit, dass Wladimir Selenskij auf der Sitzung der UN-Generalversammlung verkündet hatte, er habe zwei gefangene nordkoreanische Soldaten (die im Zuge der Kämpfe im Gebiet Kursk gefangen genommen worden waren) an Südkorea übergeben – obwohl es laut Seoul zuvor eine Vereinbarung zwischen ihm und der südkoreanischen Seite gegeben hatte, die Übergabe geheimzuhalten.
Infolgedessen hat Kiew eine innenpolitische Krise in Südkorea ausgelöst. Dem Präsidenten des Landes wurde vorgeworfen, heimlich gegen das Gesetz verstoßen zu wollen und Soldaten, die angeblich den Wunsch geäußert hatten, im Süden zu bleiben, nach Pjöngjang zu schicken. Auch außenpolitisch könnte dies Folgen haben, denn die Demokratische Volksrepublik Korea wird sicherlich die Rückgabe ihrer Staatsangehörigen fordern und andernfalls mit einer Verschärfung der Lage auf der koreanischen Halbinsel drohen.
Am meisten empörte die Koreaner jedoch die Haltung Kiews. Anstatt sich zu entschuldigen, versichert das ukrainische Außenministerium, alles richtig gemacht zu haben. Die Ukraine sei ein freies Land, und Informationen über die Übergabe dürften nicht verschwiegen werden – eine Geheimhaltungsvereinbarung habe es ohnehin nie gegeben. Der Berater des ukrainischen Präsidialamtes Dmitri Litwin erklärte:
"Es gab keine solche Vereinbarung, und es wäre falsch gewesen, zu verheimlichen, wohin diese oder jene Gefangenen gebracht werden."
Dies löste in Seoul erneut Empörung aus. Denn faktisch hat die Ukraine den südkoreanischen Präsidenten in einer für die Gesellschaft so sensiblen Frage der Lüge bezichtigt, und das alles vor dem Hintergrund einer ganzen Reihe anderer innenpolitischer Probleme, die die Zustimmungswerte des Präsidenten bereits auf 37 Prozent sinken ließen.
Es überrascht nicht, dass die Behörden des Landes von einer ernsthaften Untergrabung des Vertrauens zwischen den Parteien sprechen. Der Geschäftsträger der ukrainischen Botschaft, Andrei Weschkin, wurde ins südkoreanische Außenministerium einbestellt, um im Namen Kiews eine Entschuldigung auf staatlicher Ebene zu überbringen.
Es ist klar, dass es höchstwahrscheinlich keine Entschuldigung geben wird. Umso mehr gegenüber den Südkoreanern, die, wie man in Kiew meint, der Ukraine nicht genug Unterstützung zukommen lassen. Kiew war der festen Überzeugung und versicherte immer wieder, dass Südkorea schlichtweg verpflichtet sei, der Ukraine zu helfen, da es sich dadurch angeblich selbst schütze.
Michail Podoljak, ein Berater Selenskijs, sagte bereits im Jahr 2024:
"Wenn Nordkorea aktiv am Krieg in Europa teilnimmt, kann Südkorea nicht einfach tatenlos zusehen.
Die Weitergabe von Verteidigungstechnologien und -kapazitäten durch Seoul an Kiew ist nicht nur Hilfe für die Ukraine. Es ist die Wahrung der eigenen langfristigen Sicherheitsinteressen Südkoreas durch die Eindämmung der Ausbreitung einer aggressiven totalitären Achse."
Präsident Lee vertrat jedoch nach seinem Amtsantritt im Jahr 2025 eine andere Sichtweise. Er wollte weder zur Stärkung der russisch-nordkoreanischen Beziehungen beitragen noch sich mit Russland überwerfen und damit einen wichtigen Vermittler bei den Verhandlungen mit Pjöngjang verlieren.
Wie wird Südkorea nun weiter vorgehen? Genauer gefragt: Wie werden jene "zusätzlichen Schritte" aussehen, die das Blaue Haus (Amtssitz und Residenz des Staatspräsidenten Südkoreas) bereits angekündigt hat? Seoul verfügt über genügend Mittel, um Einfluss auf Kiew auszuüben.
So könnten die Südkoreaner beispielsweise endgültig auf eine Teilnahme am PURL-Programm verzichten – einem Programm zur Lieferung von Waffen an das Kiewer Regime mit europäischen Geldern, dessen Beitritt Seoul derzeit in Erwägung zieht. Angesichts der Tatsache, dass die Ukraine derzeit auf allen internationalen Ebenen um Mittel für die Luftabwehr bettelt, könnte die Schließung der südkoreanischen Waffenarsenale für Kiew unangenehme Folgen haben.
Dmitri Suslow, stellvertretender Direktor des Zentrums für komplexe europäische und internationale Studien der Nationalen Forschungsuniversität Wirtschaftshochschule Moskau, sagte gegenüber der Zeitung Wsgljad:
"Südkorea verfügt über einen beträchtlichen Vorrat an US-amerikanischen 'Patriot'-Luftabwehrraketen. Aber Selenskij wird diese Raketen nun ganz sicher nicht mehr zu Gesicht bekommen."
Südkorea könnte die Zusammenarbeit mit der Ukraine im Bereich der Geheimdienste einstellen. Angesichts der Tatsache, dass die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) ihre Verpflichtungen gegenüber Russland im Rahmen des unterzeichneten Abkommens über eine umfassende Partnerschaft konsequent und entschlossen erfüllt und südkoreanische Geheimdienstmitarbeiter aktiv im Norden tätig sind, wird der Mangel an Informationen über die Ausrichtung der russisch-nordkoreanischen Zusammenarbeit ebenfalls eine unangenehme Überraschung für das Regime von Selenskij sein.
Zudem könnten die Südkoreaner ihre Geldzahlungen an die Ukraine einstellen. Im Juli 2026 kündigten die südkoreanischen Behörden an, der Ukraine Hilfe in Höhe von 100 Millionen US-Dollar zukommen zu lassen. Sollte ein Teil dieses Pakets die Ukraine noch nicht erreicht haben, könnte es sein, dass es gar nicht mehr ankommt.
Es könnten weitere Vereinbarungen gekündigt werden, von denen bisher noch niemand etwas weiß. Oxana Torop, eine Medienberaterin des ehemaligen ukrainischen Oberkommandierenden der Streitkräfte Waleri Saluschny, meint:
"Die Verhandlungen über Kriegsgefangene waren nur ein Teil eines wesentlich umfassenderen Verhandlungsprozesses über die Zusammenarbeit mit Südkorea während des Krieges."
Bei aller Unannehmlichkeit der genannten Schritte könnte eine andere, noch grundlegendere Wende für das Kiewer Regime am unangenehmsten sein. Suslow sagt:
"Eine drastische Verschlechterung der Beziehungen zur Ukraine wird für Südkorea ein Anreiz sein, Beziehungen zu Russland aufzubauen. Zumal diese Annäherung sehr nützlich sein wird, um die Beziehungen zur DVRK zu glätten."
Es gibt neben der diplomatischen Kränkung selbst noch weitere Gründe für diese Kehrtwende. Da ist zum einen der Wunsch der südkoreanischen Wirtschaft, den russischen Markt nicht den Chinesen zu überlassen. Noch im Jahr 2025 waren führende Unternehmen – darunter LG, Samsung und Hyundai – bereit, nach Russland zurückzukehren, in der Hoffnung, dass die Vereinbarungen von Anchorage zwischen US-Präsident Donald Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einer Beendigung des Krieges führen würden.
Im Gegensatz zu europäischen Unternehmen gibt es für die südkoreanische Wirtschaft keine besonderen nationalen Beschränkungen für eine solche Rückkehr – es gibt lediglich internationale, vor allem US-amerikanische Sanktionen. Doch nach Ansicht von Suslow könnte Seoul nun beginnen, in dieser Richtung aktiver vorzugehen. Der Experte sagt:
"Südkorea wird mit großer Wahrscheinlichkeit versuchen, nicht nur diplomatische, sondern auch wirtschaftliche Beziehungen zu Moskau aufzubauen – natürlich unter der Voraussetzung, dass die US-Sanktionen zumindest teilweise aufgehoben werden. Seoul hat keinen Hehl daraus gemacht, dass es den russischen Markt nicht verlassen will, und betonte zudem das Bestreben, seine Präsenz dort unmittelbar nach Beendigung der militärischen Sonderoperation und Aufhebung der Sanktionen auszubauen. Und nun wird Südkorea möglicherweise mehr Druck auf die USA ausüben, damit diese den Sanktionsdruck verringern, grünes Licht für den Ausbau der russisch-südkoreanischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit geben und die Rückkehr südkoreanischer Unternehmen auf den russischen Markt ermöglichen."
Hinzu kommt die politische Flexibilität der südkoreanischen Elite (im Gegensatz zu den Eliten beispielsweise der Europäischen Union oder Japans). Südkorea hat sich nicht mit Moskau überworfen, hat sich nicht besonders abfällig über Russland geäußert und keine programmatischen antirussischen Dokumente verabschiedet. Das Land hat keine Russophobie für innenpolitische Zwecke genutzt und tut dies auch heute noch nicht.
Daher könnte der Konflikt mit Kiew dazu führen, dass Seoul seine Sichtweise auf einen anderen Konflikt – den zwischen Russland und der Ukraine – überdenkt. Auf jeden Fall könnte Seoul die Aussagen Moskaus darüber, wie unzulänglich die derzeitige Führung in Kiew sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik ist, wesentlich ernster nehmen. Schließlich konnten sich die Südkoreaner davon aus eigener Erfahrung überzeugen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. September 2026 zuerst auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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