In einem besonders gesicherten Bereich des deutschen Verteidigungsministeriums soll eine so geheimnisvolle Einheit arbeiten, dass manche sie als "Guerilla-Einheit" bezeichnen. Der "Sonderstab Ukraine" besteht aus weniger als 20 Mitarbeitern und ist der Motor hinter Deutschlands inzwischen 11,5 Milliarden Euro jährlich umfassender Militärhilfe für die Ukraine. Die Financial Times enthüllt am Dienstag erstmals Details über die Arbeit der geheimen Einheit.
Anders als die reguläre Beschaffungsbürokratie der Bundeswehr arbeitet der Sonderstab mit extrem kurzen Entscheidungswegen. Waffen können innerhalb von zwei Wochen beschafft werden. "Das macht uns agil und flexibel", sagte Brigadegeneral Joachim Kaschke, der die Einheit leitet.
Der Sonderstab entstand im Juli 2022, wenige Monate nach Beginn der Sonderoperation Russlands in der Ukraine. Zunächst ging es darum, die militärische Lage zu beobachten und schnell Unterstützung zu organisieren. Bald wurde jedoch klar, dass Kiew Waffen benötigte, die in europäischen Arsenalen kaum oder gar nicht vorhanden waren. Dabei rückten insbesondere neue Technologien wie Aufklärungsdrohnen in den Fokus.
Ein Beispiel dafür waren Drohnen des deutschen Start-ups Quantum Systems. Ukrainische Streitkräfte verbanden sie mit Starlink und nutzten sie zur Aufklärung russischer Stellungen. Die Erfahrungen mit den Drohnen überzeugten Berlin, solche Systeme gezielt für die Ukraine zu finanzieren und weitere Waffen direkt bei deutschen Unternehmen zu bestellen.
Das Prinzip ist laut FT-Bericht ungewöhnlich: "Kiew legt eine Wunschliste vor, Berlin bezahlt die Rechnung." Da die Verträge direkt von der ukrainischen Regierung unterzeichnet werden, sei es dem Sonderstab möglich, die komplizierten deutschen Beschaffungsregeln sowie die 13.000 Mitarbeiter starke Behörde, die normalerweise für die Ausrüstung der Bundeswehr zuständig ist, zu umgehen. Auf diesem Weg finanzierte der Sonderstab unter anderem das deutsche Luftverteidigungssystem IRIS-T für die Ukraine.
Der Sonderstab hat sich dadurch den Ruf erworben, "schnell und effizient" zu arbeiten. Ein Mitarbeiter beschreibt die Einheit als "unglaublich undeutsch" und vergleicht ihre Arbeitsweise mit einem Start-up. Mit weniger als 20 Mitarbeitern ist die Einheit weiterhin äußerst klein. Gleichzeitig ist ihre Bedeutung gewachsen, hieß es in der FT.
Der Sonderstab fungiert inzwischen nicht nur als Beschaffungsstelle, sondern auch als Schnittstelle zwischen den deutschen und ukrainischen Streitkräften sowie den Rüstungsindustrien beider Länder, berichtet FT.
Die ungewöhnliche Konstruktion hat allerdings auch Kritiker. Einige Vertreter aus Politik und Industrie warnen vor Korruptionsrisiken bei der Verwendung deutscher Steuergelder. Der Sonderstab zeigt vor allem einen bemerkenswerten Widerspruch: Während die deutsche Rüstungsbeschaffung für die Bundeswehr als langsam und bürokratisch gilt, kann eine kleine Einheit innerhalb desselben Ministeriums Waffen für die Ukraine in kürzester Zeit organisieren.
Zugleich wächst in Deutschland die Sorge, dass Berlin zwar Milliarden in die Ukraine investiert, aber zu wenig von deren militärischen Erfahrungen und Gefechtsdaten profitiert, so FT. Die Ukraine will zunehmend selbst zur Rüstungsmacht werden – und das sorgt in Deutschland für Unmut. Außenminister Johann Wadephul kritisierte zuletzt, dass deutsche Unternehmen bei ukrainischen Beschaffungsprojekten zu wenig berücksichtigt würden. Berlin erwarte, dass Kiew die deutsche Rüstungsindustrie stärker einbeziehe.
Deutschland wurde nach dem drastischen Rückgang der US-Militärhilfe zum wichtigsten Einzelunterstützer der Ukraine und hat inzwischen fast 58 Milliarden Euro für Waffen ausgegeben. Allein in diesem Jahr sind 11,5 Milliarden Euro Militärhilfe vorgesehen.
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