In manchen Presseberichten wird daraus gleich "Die Deutschen verlieren die Lust am Bargeld"; der SWR befragte das Publikum: "Braucht ihr Bargeld noch im Alltag?" Tatsächlich befasst sich die Studie des EHI Retail Institutes, eines Forschungsinstitut des Einzelhandels, das 1989 aus der Rationalisierungs-Gemeinschaft des Handels und dem Institut für Selbstbedienung entstand, nur mit den statistischen Zahlen der Zahlungswege, aber nicht mit dem Grund, warum der eine oder der andere gewählt wurde.
Im stationären Einzelhandel liegt, so die Studie, der Anteil der Kartenzahlungen in Deutschland mittlerweile bei 65,1 Prozent. 32,3 Prozent der Einkäufe werden in bar bezahlt, auf Rechnung zwei Prozent. So weit zumindest, wenn nach dem Wert der Einkäufe gegangen wird. Bei Betrachtung der einzelnen Einkäufe, also nach Transaktionen, ändert sich das Bild – hier werden 50,5 Prozent nach wie vor mit Bargeld erledigt, die Kartenzahlung liegt bei 48,1 Prozent.
Daraus lässt sich vor allem ablesen, dass teurere Einkäufe eher über Karten erfolgen; naheliegend, wenn man bedenkt, dass Geldautomaten oft Auszahlungslimits haben, die bei größeren Einkäufen wie im Elektronikmarkt oder im Möbelgeschäft leicht überschritten werden. Aber Motivation ist nicht Teil der Untersuchung. Übrigens auch nicht, in wie vielen Fällen diese Transaktionen per Karte mit einer Bargeldabhebung im Supermarkt verknüpft sind – in vielen weniger dicht besiedelten Regionen liegt nämlich oft eine beträchtliche Entfernung zwischen Supermarkt und Bankautomat, sodass diese Möglichkeit oft genutzt wird, um eine Wegstrecke zu sparen.
Im E-Commerce, also im Internethandel, gibt es naturgemäß keine Barzahlung. Daher wird hier nur untersucht, welche Varianten genutzt werden. Hier liegt in Deutschland PayPal mit 28,7 Prozent weit vorne, gefolgt vom Kauf auf Rechnung mit 26,1 Prozent, Lastschrift/Einzug mit 14,4 Prozent und Kreditkarten mit 13,7 Prozent. Letztere haben zwar zugenommen, aber im Grunde halten sich die Deutschen nach wie vor lieber an die Girocard örtlicher Sparkassen als an Kreditkarten.
Bei der bargeldlosen Zahlung im Einzelhandel bevorzugen 66,3 Prozent eine physische Karte ohne Kontakt, 14,3 Prozent eine mit Kontakt (wobei noch die Frage besteht, ob die Kunden darauf überhaupt Einfluss haben, denn über die Möglichkeiten der Karte entscheidet die Bank, und das Lesegerät wählt das Geschäft), nur etwas über 19 Prozent nutzen mobile Zahlungsmöglichkeiten per digitaler Karte oder QR-Code.
Wenn man herausfinden wollte, welche Faktoren entscheidend sind, ob bar oder mit Karte bezahlt wird, darf man nicht übersehen, dass sich das Angebot an Bankfilialen und auch an Geldautomaten stetig verringert. Allein von 2020 bis heute ist die Menge der Geldautomaten je 100.000 Einwohner von bis zu 100 auf 73 gesunken, das bedeutet eine Verringerung um ein Viertel. Die Zahl der Bankfilialen hat seit 2002 um 60 Prozent abgenommen. Gerade in dünn besiedelten Regionen kann die Entfernung inzwischen beträchtlich sein.
Der Bundesdurchschnitt liegt zwar bei 1,4 Kilometern und in ländlichen Regionen zwischen 1,9 bis 2,7 Kilometern, aber etwa 250.000 Deutsche wohnen bereits mehr als zehn Kilometer vom nächsten Geldautomaten entfernt. Angesichts der schlechten öffentlichen Verkehrsanbindung kann aber auch eine geringere Entfernung gerade für Ältere schnell zum Problem werden. Gelegentlich taucht dieses Problem auch in der Berichterstattung auf, schließlich müht sich die Bundesbank um Erfassung dieser Frage.
Unabhängig davon gibt es auf politischer Ebene eine Auseinandersetzung um die zukünftige Rolle des Bargelds, die sich unter anderem in den Bemühungen der EU zeigt, einen digitalen Euro einzuführen. Dahinter könnte sich eine verfassungsrechtlich bedeutende Frage verbergen – und die Frage, wie viel Information und Kontrolle an Dritte wie an den US-Konzern PayPal abgegeben werden soll.
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